Gemalte Skulptur im Trend der Zeit

Die Werktagsseiten

Im Mittelalter war es an den Werktagen üblich, die Altäre zu schließen. Die meist schlichter gestalteten Außenflügel zeigen hier die Darstellung der Verkündigung als gemalte Skulptur. Bereits mit diesen Malereien offenbart sich das feinsinnige Gespür des großen niederländischen Meisters für die neuen Trends in der Malerei seiner Zeit. Gemalte Skulpturen waren erst zu Beginn des 15. Jahrhunderts in der niederländischen Malerei aufgekommen und zu einem der beliebtesten Motive geworden. Hier konnten die Meister mit unterschiedlichen Realitätsebenen spielen, um ihren Aussagen mehr Gewicht zu geben und zugleich in einen Wettstreit der Künste untereinander treten.

Geschickt hat Hans Memling den Verkündigungsengel Gabriel und die jungfräuliche Maria als steinerne Figuren sehr plastisch in je eine Nische gestellt. Nachdem wenige Jahre zuvor noch von seinem Lehrer Rogier van der Weyden Skulpturen mit Aussprüngen und Stegen gemalt wurden, um die Illusion des Materials zu perfektionieren, geht Memling hier bereits einen anderen Weg: Er verbindet die steinerne Anmutung mit malerischen Effekten, wie etwa die herabschwebende Taube als Sinnbild des Heiligen Geistes zeigt oder das Band am Gewand des Engels, das sich leicht und malerisch aus der Nische bewegt. Doch begnügt er sich nicht allein damit, sondern bezieht den umgebenden Raum mit ein: Fast zufällig, als wäre sie von einem Gläubigen dorthin gestellt worden, zeigt er eine farbige Vase mit Lilien, dem Jungfräulichkeitssymbol Mariens, vor der Mariennische. Die inhaltliche Botschaft der Gesamtkomposition ist eindeutig: Mit der Verkündigung der Geburt Jesu nehmen die weiteren Geschicke (auf den Innenseiten) ihren Lauf.