Die Passion und Kreuzigung Christi

Die Festtagsseiten

Prächtige und vielgestaltige Szenen entfalten sich auf den Innenflügeln. Sie zeigen die Passion und die Auferstehung auf den Seitenflügeln und die Kreuzigung Christi in der Mitte. Wie in einem großen theatralischen Finale ist hier alles auf die bedeutende Kreuzigungsszene hin ausgerichtet. In meisterlichem Können und feiner Farbnuancierung erzählt Memling aber neben der Gesamtschau auch viele in sich geschlossene Begebenheiten rund um die Kreuzigung in simultanen Szenen. So zieht sich links der Erzählfluss von oben mit Christus am Ölberg, der Gefangennahme, der Geißelung und Verspottung, mit Jesus vor Pilatus und der Ecce Homo-Darstellung bis hin zur Kreuztragung in der unteren Bildhälfte. Alle Szenen hat Memling geschickt in die erdachte Architektur der Stadt Jerusalem eingebunden. Rechts liest der Betrachter die Tafel gegenläufig von unten mit der Grablegung und Auferstehung darüber bis hin zur Himmelfahrt oben links im Hintergrund. Die Kreuzigung auf der Mitteltafel vereint darüber hinaus den Zusammenbruch Mariens unter dem Kreuz, die trauernde Maria Magdalena am Kreuzesfuß, den guten Hauptmann, der im Moment des Todes Gottes Sohn erkennt und deshalb auf diesen hinweist, und schließlich rechts unten die Schergen, die um das Gewand Jesu würfeln.

Trotz der Vielzahl der erzählten Begebenheiten hat der Altar seine ganz bestimmte Ordnung, die durch die meisterliche Gesamtkomposition erreicht wird. Außerdem fühlt sich der Betrachter von der Darstellung in besonderer Weise angezogen, weil über alle Tafeln hinweg immer wieder einzelne Figuren den Blickkontakt zum Betrachter suchen und ihn auf diese Weise zum Zeugen des Geschehens machen. Er wird so in die Handlung einbezogen und erhält eine aktive Rolle.

Das ganze Geschehen spielt in einer weiten Landschaft. Menschen, Tiere, Architektur und Landschaft sind zum Greifen real und zugleich bindet Hans Memling die damals übliche Symbolik in die Darstellung ein: So weisen Sonne und Mond zu Seiten des Kreuzes Christi darauf hin, dass es sich um ein kosmisches Ereignis handelt. Der Hund, der vor dem knienden Stifter der Familie Greverade auf dem linken Innenflügel unten erscheint, gilt als Treuesymbol und die Gebeine am Kreuzesfuß weisen auf das Grab Adams. Nach der Legende wurde das Kreuz auf diesem errichtet und weist auf die typologische Rolle Jesu als „neuer Adam“ hin, der die Menschheit durch seinen Kreuzestod von der Erbsünde erlöst hat.

Der Stifter kniet in der linken unteren Ecke demütig betend, denn nach damaligem Bildverständnis war er so bei dieser Szene anwesend. Mit einer solch üppigen Stiftung, die auch im 15. Jahrhundert schon außergewöhnlich groß und teuer war, repräsentierte sich die Familie nicht nur als Weltenbürger, sondern auch als gläubige Christen, die ein sichtbares Zeichen ihres großen Glaubens spendeten. Auf diese Weise erhofften sie sich baldige Erlösung nach ihrem Tode.