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Das Lübecker Wunderkind

Am 6. Februar 1721 kommt in Lübeck ein ganz besonderes Kind zur Welt: Christian Henrich Heineken. In seinem kurzen Leben vollbringt er Unvorstellbares und geht als das Lübecker Wunderkind in die Geschichte ein. Mit einem Jahr kann der Junge ganze Passagen aus der Bibel zitieren, mit drei Jahren beherrscht er Latein und Französisch. Ebenfalls dreijährig verfasst er ein eigenes historisches Werk, das er dem König von Dänemark während einer Audienz persönlich überreichen darf. Bereits mit vier Jahren verstirbt jedoch das kleine Genie und wird unter großer Anteilnahme der Stadt in der Katharinenkirche bestattet. 

 

Christian Henrich Heineken
Christian Henrich Heineken, Kupferstich von Johann Baltasar Probst von 1724, nach einem Porträt des Malers Johann Harper aus demselben Jahr

Christian Henrich Heineken
Geboren in Lübeck den 6. Febr: 1721
Dies ist ein Knabe, wie ihn nur jede hundertste Generation einmal sieht, wenn die Natur mit Ausnahmen schwelgt.
O welche Begabung, welch ungeheures Wissen! Wie haften tausende von Wörtern in dem gedächtnisstarken Geiste!
Der dreijährige Schüler wetteifert mit dem stets anwesenden Lehrer, und stark erstrahlt in schwächlichem Körper die Muse.
Glaube, Zoilus, wenn Du zweifelst, entweder einem Augenzeugen, oder sieh dir das Wunderkind, solange es möglich ist, selbst an.

Die Bedeutung der lateinischen Verse
Immanuel Kant (1724-1804)

 

Die Geschichte des kleinen Genies aus Lübeck dringt bis ins ferne Königsberg, wo der große Philosoph Immanuel Kant rund 50 Jahre später auf dessen einzigartiges Leben und Wirken hinweist und ihn als „frühkluges Wunderkind von ephemerischer Existenz“ und eine der „Abschweifungen der Natur von ihrer Regel“ beschreibt. 

Eine spöttische Bemerkung in der Novelle "Der Schimmelreiter" des norddeutschen Dichters Theodor Storm zeigt, das die ungewöhnliche Begabung des kleinen Christian noch anderthalb Jahrhunderte nach dessen Tod im Bewusstsein der Menschen verankert ist und sogar sprichwörtlich geworden war: "Du bist wohl das Wunderkind aus Lübeck!"

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Theodor Storm (1817-1888)
Die Familie Heineken
Die Mutter Catharina Elisabeth Heineken (1681-1757), Öl auf Leinwand, 18. Jahrhundert
Der Bruder Carl Heinrich von Heineken (1707-1791), Michel-Hubert Descours 1754, Öl auf Leinwand, 1945 verbrannt.

Der kleine Christian wächst in einem kunstsinnigen Haushalt auf. Besondere Fähigkeiten und künstlerisches Talent sind in dieser Familie keine Seltenheit. Sowohl der Vater als auch der Stiefvater von Christians Mutter Catharina Elisabeth waren Maler. Sie selbst ist ebenfalls künstlerisch tätig und fertigt Blumen- und Früchtestilleben an. Zudem hat sie umfassende naturwissenschaftliche Kenntnisse und widmet sich alchimistischen Experimenten.
Ihre Erkenntnisse sind möglicherweise für ihren Mann, den Maler Paul Heineken, hilfreich, der sich auf dem Gebiet der Emaillemalerei spezialisiert hat. Sein Ruf reicht über die Stadtgrenzen Lübecks hinaus bis ins ferne Kopenhagen. Von dort machen sich Künstler auf, dieses spezielle Handwerk bei Paul Heineken zu erlernen. Auch mit theoretischen Aspekten der Kunst ist er vertraut. Er ist der Verfasser eines Lehrbuchs über die Perspektive, das in der damaligen Zeit viel Beachtung erfährt.
Neben zwei Schwestern hat der kleine Christian noch einen um 14 Jahre älteren Bruder. Carl Heinrich von Heineken steigt dank seiner hervorragenden Bildung zum Kunstsammler und -gelehrten, Bibliothekar sowie zum Privatsekretär und Vertrauten des sächsischen Grafen Heinrich von Brühl auf. Mittlerweile in den Adelsstand erhoben, beruft ihn der Kurfürst von Sachsen Friedrich August II. zum Direktor des Dresdner Kupferstichkabinetts.              

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Das Elternhaus

Karl IV. Römisch-Deutscher Kaiser (1316-1378), Ausschnitt aus dem Votivbild des Erzbischofs Johann Očko von Wlaschim um 1370

Die Familie Heineken bewohnt ein großzügiges Haus in der Königstraße, Ecke Johannisstraße, heute Dr.-Julius-Leber-Straße. Es muss eines der stattlichsten Bürgerhäuser der Hansestadt gewesen sein, da es im Jahr 1375 keinem Geringeren als einem Kaiser als Herberge dient. Als Karl IV. den Lübecker Ratsherren einen Besuch abstattet, logiert er hier, während seine Gemahlin Elisabeth von Pommern mit ihren Hofdamen im Haus gegenüber einquartiert wird. Der Legende nach errichteten die Lübecker eine hölzerne Brücke zwischen den Eckhäusern, damit sich das Ehepaar zur großen Freude der Bevölkerung eine gute Nacht wünschen kann. Das Haus der Kaiserin hat die Jahrhunderte überdauert und beherbergt heute die Löwenapotheke.

Neben ihrer alchimistischen und künstlerischen Tätigkeit betreibt Catharina Elisabeth Heineken in ihrem herrschaftlichen Wohnhaus eine Art Kaffeesalon. Sie schenkt das teure Getränk an wohlhabende Bürger aus und erfreut ihre Gäste hin und wieder mit schauspielerischen Darbietungen. 

Teile eines Kaffeeservice mit Höroldt-Chinoiserien, Porzellan, Meissen um 1735, St. Annen-Museum
Klassizistischer Umbau um 1820, kompletter Abriss des Eckhauses 1905, bis 1861 wird hier die Kaffeestube der Heinekens unter dem Namen "Harmonie" weitergeführt.
Rückwärtige Fassade des Doppelgiebelhauses, mit gotischen und romanischen Elementen.
Das Innere des Hauses mit der Gastwirtschaft "Deutscher Kaiser" (ab 1877) unter historischen Gewölben.
Im Vordergrund die Löwenapotheke von ca. 1230, rechts im Bild der heutige Bau Königstraße 41 von 1908

Der Lehrer des kleinen Christian

Ein ähnlich stattlicher Fayence-Ofen sorgt im Haus der Heinekens nicht nur für wohlige Wärme, sondern offenbart der Familie durch Zufall die ungewöhnliche Begabung des zehn Monate alten Christian Henrich. Begeistert sieht er sich die szenischen Darstellungen auf den blau-weiß glasierten Kacheln an. Daraufhin erklärt man ihm, wie die betrachteten Dinge heißen: Katze, Turm, Schäfchen, Berg... . Am Tag darauf kann er alle gelernten Begriffe wiederholen und zeigt auf die passenden Bilder. Das Kind ist offensichtlich mit einem bemerkenswerten Lern- und Erinnerungsvermögen gesegnet. Die Eltern sind sich einig: ein Lehrer muss her, dieses Ausnahmetalent bedarf einer intensiven Förderung!  

 

Fayenceofen aus der Sammlung des St. Annen-Museums. Hamburger oder Lübecker Arbeit, mit Landschaftsbildern und biblischen Szenen bemalt, um 1700.
Titelseite Christian von Schöneichs "Merkwürdiges Ehren-Gedächtnis von dem Christlöblichen..." Hamburg 1726

Im Haus der Heinekens wohnt der schlesische Adlige Christian von Schöneich. Der soll sich nun um die Ausbildung des Kindes kümmern. Bereits mit vierzehn Monaten kann der kleine Christian Henrich zahlreiche Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament auswendig aufsagen. Auf dem Lehrplan der kommenden zwei Jahre stehen Geographie, Geschichte, Genealogie der Herrschergeschlechter Europas sowie die lateinische und die französische Sprache, die er als Dreijähriger beherrscht. Zuvor hat er bereits Plattdeutsch von seiner Amme gelernt. Schöneich wird das wundersame Lernen und Leben seines Zöglings akribisch dokumentieren und in dem Werk "Merkwürdiges Ehrengedächtniß von dem Christlöblichen Leben und Tode des weyland klugen und gelehrten Lübeckischen Kindes, Christian Henrich Heineken..." 1726 veröffentlichen.   

Zeichnungen Carl Julius Mildes von der barocken Kopie des Totentanzes von Bernt Notke, 1866

In der Lübecker Rats- und Bürgerkirche St. Marien wird Christian Henrich Heineken getauft. Hier befindet sich in der Kapelle des nördlichen Querschiffes der eindrucksvolle, 30 Meter lange Totentanzfries. Ursprünglich von Bernt Notke 1463 geschaffen, wird er 1701 durch eine Kopie ersetzt. Bei einem Besuch der Kirche bestaunt der zweijährige Christian Henrich den Reigen zwischen den verschiedenen Vertretern der spätmittelalterlichen Ständegesellschaft und dem Tod. 

 

Die Darstellung der 24 tanzenden Paare erschrecken das Kind nicht etwa, laut seinem Lehrer ergötzte sich der Kleine sogar daran. Eröffnet wird der Reigen vom Papst, beendet wird er von der Darstellung eines Wiegenkindes. Jedes Paar wird von einem niederdeutschen Vers begleitet. Der des Kindes liest sich wie eine Vorahnung auf den frühen Tod des kleinen Christian Henrich: 

"O Tod, wie soll ich das verstehn?
Ich soll tanzen und kann noch nicht gehn!"

Fries in der Totentanzkapelle der Lübecker Marienkirche vor 1942
Fragment des Totentanzfrieses von Bernt Notke in der Nikolaikirche in Tallinn, um 1500

Der Maler und Bildschnitzer Bernt Notke unterhielt in Lübeck von der Mitte des 15. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts eine der bedeutendsten Werkstätten des Ostseeraums. Ihm zugeschrieben sind solche großartigen Werke wie das Triumphkreuz im Lübecker Dom und die St. Jürgen-Gruppe in der Nikolai-Kirche in Stockholm, deren Abguss in der Katharinenkirche steht. Nach dem Vorbild des in Frankreich auftretenden Motivs des "Danse Macabre" fertigt Notke den monumentalen Fries für die Marienkirche. Mittelniederdeutsche Reimverse begleiten jedes tanzende Paar. Darin spricht die jeweilige Figur den Tod an, der darauf antwortet und sich im letzten Vers an den nachfolgenden "Tanzpartner" wendet. Eindrucksvoll und schonungslos illustriert der Fries dem Gläubigen, der die Totentanzkapelle zur Beichte betritt, dass der Tod keine Standesunterschiede kennt. Ihm muss ein jeder folgen, gleich ob Kaiser, Arzt, Jungfrau oder Kaufmann. Notke schuf die monumentale Bildfolge unter dem Eindruck der in Lübeck seit 1350 immer wieder grassierenden Pest.
Der schlechte Zustand des Frieses führt 1701 dazu, dass die Vorsteher der Marienkirche eine Kopie anfertigen lassen, statt ihn zu restaurieren. Zugleich werden die mittelniederdeutschen Verse durch hochdeutsche Reime ersetzt. Einen Eindruck des originalen Notke-Frieses bietet das Totentanzfragment in der Nikolaikirche von Reval/Tallinn, das der Meister nach dem Lübecker Vorbild um 1500 schuf. 
Als im zweiten Weltkrieg am 29. März 1942 Bomben auf Lübeck fallen, wird die Kopie, die auch Christian Henrich Heineken zum Staunen gebracht hatte, ein Opfer der Flammen.

Mehr zum Totentanz
Der Patient Christian Heinrich Heineken

Schon früh erweist sich die Gesundheit des kleinen Christian Henrich, im Gegensatz zu seinen geistigen Fähigkeiten, als wenig gefestigt. Weil die Mutter das Kind nicht zu stillen vermag, beschäftigt man die Amme Sophia Hildebrandt, die ihm fortan nicht mehr von der Seite weicht. Sie pflegen eine herzliche und für den Jungen lebenswichtige Beziehung. Nie wird er Nahrung zu sich nehmen, die er selbst hätte kauen müssen. Meist nimmt das Kind nichts als die Milch seiner Amme zu sich, lässt sich zu keiner anderen Speise bewegen und wehrt sich mit den Worten: "Ach! ich kann nicht, denn mich grauet dafür." Mehrere schwere Krankheitsschübe mit Durchfall und wochenlanger Schwäche durchlebt der ohnehin ausgezehrte Junge. Die Entwöhnung von der Milch der Amme durch Kuhmilch, gesüßtes Bier und Weißbrot kann seinen Zustand nicht verbessern. 
       

Christian Henrich Heineken, Ölgemälde 18. Jahrhundert, durch Brand zerstört.

Während von Schöneich die Milch der Amme als Ursache für Christians schlechte Gesundheit benennt, ist die Umstellung auf Getreideprodukte wohl die tatsächliche Gefahr für den Jungen. Möglicherweise handelt es sich bei den dargelegten Symptomen um eine frühe Beschreibung der Zöliakie, einer Glutenunverträglichkeit, die zu akutem Nährstoffmangel führt. 

Die Reise zum König von Dänemark
Titelseite "Des Lübekischen Dreyjährigen Knabens Christian Henrich Heineken Vorschmak Der Alten, mitlern und neuen Dänischen Geschichte ...", Lübeck 1724

Nachdem der dreijährige Christian Henrich zwei schwere Krankheiten überstanden hat, planen die Mutter und der Lehrer eine Seereise nach Kopenhagen. Der Junge soll dank der frischen Luft zu Kräften kommen. Der wahre Grund ist aber wohl, ihn wie ein "Wundertier" am dänischen Hof zu zeigen. Es wird ein Entwurf der dänischen Geschichte gedruckt, die er vor Kurzem gelernt hat. Das Werk enthält auch die laut seinem Lehrer von Christian Henrich selbst angefertigten Karten. Insgesamt vermittelt die Gestaltung des Titelblatts, das Kind habe diese Chronik selbst verfasst. Schreiben steht aber erst kurz vor seinem vierten Geburtstag, also nach der Dänemarkreise, auf dem Lehrplan.  

Christian Henrich stimmt dem Unternehmen freudig zu und entscheidet: "Ich will nach Dänemark, und König Friedrich dem Vierdten meine gemalten Charten schenken, da werde ich wohl wieder recht gesund werden". So schildert es von Schöneich. Am 18. Juli 1724 gehen die Mutter, die Amme, der Lehrer und der "saugende Gelehrte" in Travemünde an Bord eines Segelschiffes mit dem Ziel Kopenhagen. Geschwächt von der stürmischen Überfahrt und daraus folgender Seekrankheit, muss sich Christian zunächst erholen. Augenzeugen berichten, das Kind sei einem Skelett gleich anzuschauen. Bis zu seiner Audienz beim König soll über seine Anwesenheit in der Stadt Stillschwiegen bewahrt werden, um ihm die nötige Ruhe zu gewähren und Besucheranstürme zu verhindern. Doch es kursieren in Kopenhagen bereits Gerüchte um ein wundersames Kind, das Erstaunliches weiß.      

Ausschnitt aus dem Kupferstich von Johann Baltasar Probst von 1724

"Das ist viel!"

Schloss Fredensborg in einer Ansicht aus dem Jahr 1728

Die Audienz soll im Jagdschloss Fredensborg, 38 km von Kopenhagen entfernt, stattfinden. Wenige Tage vor dem angesetzten Termin erfasst den Jungen aber ein Fieber. Hals und Wangen schwellen an, ihm fällt das Sprechen schwer. Die beschriebenen Symptome deuten auf eine eventuelle Mumps-Erkrankung hin. Der Hofarzt tippt auf schmerzhaftes Durchbrechen der Zähne.  Der Besuch beim König muss also verschoben werden. Eine Woche nach Ausbruch der Krankheit wird der Junge nun aber am Hof König Frederiks IV. erwartet. 

Lederstiefel, St. Annen-Museum
Frederik IV. König von Dänemark und Norwegen (1671-1730), Pastell von Rosalba Carriera, 1709

Die Aussicht auf die unmittelbar bevorstehende Audienz belebt den Dreijährigen. Seine Amme trägt den noch immer geschwächten Christian in das Schloss, obwohl ihm eigens für diese Gelegenheit gespornte Lederstiefelchen gefertigt wurden. Die Königliche Familie und einige Mitglieder des Hofstaates empfangen das Kind und seinen Lehrer von Schöneich im großen Kuppelsaal. Man legt die für Frederik IV. angefertigte Prachtausgabe der Dänischen Geschichte vor und sogleich beginnt der Junge dazu, sein umfangreiches Wissen zu präsentieren. Die Befragung dauert insgesamt zwei Stunden, sie umfasst auch Themen wie Anatomie, Geographie und Religion, unterbrochen von Müdigkeit und Pausen an der Brust der Amme. Von Schöneich schafft es aber immer wieder, dem Kleinen Staunenswertes zu entlocken.
Bei aller Bewunderung, die der König der Gedächtnisleistung des Jungen entgegenbringt, richtet er auch die kritische Frage an den Lehrer, "ob nicht die vielen Kenntnisse, die das Lübecker Kind besässe, zum Teil schuld daran wären, daß es so schwächlich wäre?". Von Schöneich wiegelt ab und weiß die Bedenken des Königs zu zerstreuen. Der beschließt die Audienz und damit die Befragung mit den drei Worten: "Das ist viel!" , und befindet: "Das Lübecker Kind ist was extraordinaires! (...) Das Lübecker Kind ist ein Miraculum!"  Der Begriff "Wunderkind" ist geboren.
Die Kopenhagener Zeitungen berichten nun über die Audienz beim König. Dadurch erlangt der kleine Christian derart große Berühmtheit, dass es zu wahren Volksaufläufen und verstopften Straßen kommt. Die Honoratioren der Stadt wollen das Kind selbst noch in Augenschein nehmen, bevor es seine Heimreise nach Lübeck antritt. Diese Besuche zahlen sich aus, denn "zur Belohnung und zum Andenken wurde das Kind reich mit Gold- und Silbermünzen beschenkt"

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"Warlich, 
wann ich ein Heide wäre,
ich fiele nieder
und behtete dies Kind an!"

Georg Philip Telemann 1725

Nach der triumphalen Dänemark-Reise wird man nun auch in Lübeck auf die außergewöhnliche Begabung Christian Henrichs aufmerksam. Trotz seiner schwachen Konstitution führen ihn die Mutter und der Lehrer immer wieder Besuchern vor, von denen er sich stundenlang examinieren lassen muss. Auch der Rektor des Katharineums, des Gymnasiums im ehemaligen Franziskanerkloster, Johann Henrich von Seelen, trägt wohl zur Popularität des kleinen Genies bei. Nach einem Besuch im Hause Heineken veröffentlicht er das dort Erlebte in einer Hamburger Zeitschrift. Darin beschreibt er das Kind, welches von Schöneich vor allem im Garten unterrichtet und wenig Kindliches von sich gibt. 

Johann Henrich von Seelen (1687-1762, bestattet in der Katharinenkirche), Kupferstich von Christian Fritzsch, 1726
Detail des Gertrudenaltars, St. Annen-Museum, Lübeck um 1509

Einmal aber wünscht der Dreijährige, so berichtet es von Seelen, auf ein Steckenpferd gesetzt zu werden. Dabei sind zwei Helfer vonnöten, den schwachen Jungen auf das Pferd zu setzten. Schnell lässt er von seinem Vorhaben ab und beginnt stattdessen allerhand Wissenswertes über das Spielgerät zu erzählen. Immer wieder unterbricht Christian Henrich die Befragung des Rektors von Seelen mit den Worten "Nun will ich nach nutrix gehen!". Nutrix ist das lateinische Wort für Amme. 

Georg Philipp Telemann (1681-1767), Kupferstich von Georg Lichtensteger, um 1745

Die Nachrichten über das ungewöhnliche Lübecker Kind wecken auch das Interesse des berühmten Hamburger Musikdirektors Georg Philipp Telemann. Der reist am 23. Januar 1725 nach Lübeck und wird in Begleitung des Rektors von Seelen von sieben bis zehn Uhr am Abend im Haus der Heinekens empfangen. In dieser Zeit examiniert Telemann den Jungen, der bereitwillig aus den Justinianischen Institutionen und der Bibel zitiert sowie über die Geschichte Ludwigs XIV. referiert. Anschließend beschreibt er Palästina und die angrenzenden Länder. Auch eine kurze Diskussion mit dem Herrn Kapellmeister über Musik darf bei diesem Besuch nicht fehlen. Wie beeindruckt Telemann von dem Jungen und seinem Wissen ist, zeigt nicht nur das oben stehende Zitat. Nach Christians Tod verfasst der Musiker drei Trauergedichte, die unter dem Eindruck des denkwürdigen Abends in der Königstraße entstehen.

Kann dort, im Zehnten Jahr ein Kind (als Doctor in Purpur) prangen?
Dies ward im Vierten schon fast dessen wehrt gedacht;
Und wär es als ein Greis, aus dieser Welt gegangen,
Es hätte Phoebum gar an Lorbeern arm gemacht.

Kind, dessen Gleichen nie vorhin ein Tag gebahr!
Die Nach-Welt wird dich zwar mit ew'gen Schmuck umlauben,
Doch auch nur kleinen Teils, dein grosses Wissen glauben,
Das dem, der dich gekannt, selbst unbegreiflich war.  

Was wir von klugen Kindern lesen,
Verdienet unvergeßlich Preis;
Doch wer, was HEINEKEN gewesen,
Aus dessen eignem Munde weiß,
Der sagt ohn allen Gleißner-Schein:
Er kan der andern Vater seyn 

Die Grabschrift: 

Hier unter diesem Stein, trifft man was Seltnes an,
Dem Leib‘ ein kleines Kind, dem Geist nach einen Mann;
Der lebend ist im Tod‘, im Leben todt zu nennen, 
Und den ein jeder wird aus seinem Namen kennen.

Die Gedichte Telemanns
Der frühe Tod
Katharinenkirche, Blick Richtung Chor

Im Februar 1725 feiert der kleine Christian seinen vierten Geburtstag - es soll sein letzter sein. Trotz seiner schlechten Verfassung wird er im März der Milch seiner Amme entwöhnt, was der Entkräftung zusätzlich Vorschub leistet. Im Sommer scheint sich sein Zustand zu stabilisieren, daher kommt die Familie seinem Wunsch nach und unternimmt drei Ausfahrten ins Grüne. Doch nach dem letzten Ausflug ist der Junge derart geschwächt, dass er das Bett nicht mehr verlassen kann. Zehn Tage später, am 27. Juni 1725, stirbt Christian Henrich Heineken. Seine letzten Worte "O, Herr Jesu! Nimm meinen Geist auf!" künden von Gottvertrauen und der Gewissheit, dass sein Leben nun ein Ende nimmt. Tausende Menschen nehmen in der Katharinenkirche Abschied von dem Kind, das dort zwei Wochen mit lorbeerumkränztem Haupt aufgebahrt liegt, bevor es in der Kirche zu Grabe getragen wird. Seine letzte Ruhestätte, die Grablege einer Verwandten, konnte bislang nicht lokalisiert werden.

Ikonographie eines kurzen Lebens

Das Skelett erscheint in der Tradition des Vanitas- oder Memento Mori-Motivs und erinnert an den frühen Tod des kleinen Christian Henrich. Unterstrichen wird diese Deutung durch die Inschrift auf dem Blatt, das der Knochenmann dem Kleinen vorhält: "Vivitur ingenio, cetera mortis erunt“, die übersetzt „Man lebt durch den Geist, alles andere ist sterblich“ bedeutet. Christian habe diesen Spruch sehr gemocht und oft zitiert, so von Schöneich. Es weist aber auch auf die anatomischen Kenntnisse des Jungen hin. Von Schöneich behauptet, dass dieser gern mit Schädeln spielte und der Anblick von Gerippen ihm während seiner Krankheitsschübe Trost spendete.
Armillarsphäre: Als die Astronomie auf den Lehrplan kommt, ist Christian bereits sehr krank. In den letzten Wochen vor seinem Tod lässt er sich aber noch die "Himmelskugel" in allen Details erklären.
Auf der linken Seite des aufgeschlagenen Buches liest man den Namen (Christian Henrich Heineken), auf der rechten Seite die Geburts- und Sterbedaten des Wunderkindes (Geb. Ao. 1721 / d. 6. Febr. / Gest. Ao. 1725 / d. 27. Jun.).
Wie beiläufig abgestellt lehnt das Schiffsbild zwischen Stuhl und Tisch. Es deutet auf die gefahrvolle Reise über die Ostsee nach Kopenhagen hin, die der zusätzlich durch Seekrankheit geschwächte Junge zusammen mit seiner Mutter, der Amme und dem Lehrer von Schöneich unternimmt.
Anfang des Jahres 1725, also noch dreijährig, lernt Christian schreiben, ist aber zu schwach, um den Stift lange zu halten. Doch bereits an seinem 4. Geburtstag macht er keine orthografischen Fehler mehr.
Der Blick in die Landschaft spielt auf die letzte Ausfahrt Christians in einen lübecker Garten kurz vor seinem Tod an.

Als Vorlage für diesen Kupferstich dient ein Gemälde von Catharina Elisabeth Heineken, der Mutter des kleinen Christian, das wiederum auf eine Zeichnung des Vaters, Paul Heineken, zurückgeht. Sowohl das Gemälde als auch die Zeichnung sind nicht erhalten. Im Jahr 1726 fertigt der Hamburger Kupferstecher Christian Fritzsch den Stich an und im selben Jahr erscheint er in der Erstausgabe der Lebensbeschreibung des "weyland klugen und gelehrten Lübeckischen Kindes" von Christian von Schöneich. In seinem Buch, das wie eine Hagiographie des Jungen erscheint,

erklärt von Schöneich die Bezüge zwischen den bildlichen Elementen und der Biographie des Jungen. Den Gelehrtenporträts dieser Zeit entsprechend, wird der kleine Christian in einem Studierzimmer mit passendem Interieur wie Bücherregal, Schreibtisch und Armillarsphäre inszeniert. Das auch zuweilen Weltmaschine genannte astronomische Gerät dient der Darstellung der Bewegung von Himmelskörpern. Unter dem Porträtstich des kleinen Gelehrten ist eins der Trauergedichte Georg Philipp Telemanns gesetzt.

Titelseite "Leben, Thaten, Reisen und Tod eines sehr klugen und sehr artigen 4jährigen Kindes Christian Henrich Heineken aus Lübeck. Beschrieben von seinem Lehrer Christian von Schöneich" Göttingen 1779

54 Jahre nach seinem Tod wird die Geschichte des kleinen Wunderkindes noch einmal erzählt. Der Göttinger Professor August Ludwig von Schlözer überarbeitet den Lebensbericht von Schöneichs und gibt das Buch anonym heraus. Im Vorwort weist von Schlözer darauf hin, dass es dem Leser nicht zuzumuten sei, das Werk des Lehrers "von Anfang bis Ende durchzulesen: so unordentlich und weitschweifig nicht nur, sondern in einem so unausstehlichen Schwulst (...) ist dasselbe durchaus geschrieben, daß der ernsthafteste Leser, mitten in den allerürendsten Erzälungen, über den Erzäler lachen möchte." Also muss die Geschichte neu geschrieben werden. Von Schlözer selbst unternimmt sein ganz eigenes pädagogisches Experiment: in einem Wettstreit mit einem Kollegen will er die Überlegenheit seiner Erziehungsmethoden beweisen. 

Dafür lässt er seiner Tochter Dorothea eine für Mädchen bis dahin unübliche Ausbildung angedeihen. Er beginnt, als sie 15 Monate alt ist und hält die Fortschritte in Protokollnotizen akribisch fest. Tatsächlich klappt das Experiment so gut, dass sie mit 16 Jahren zehn Sprachen spricht. In ihren Studien widmet sie sich vor allem der Mineralogie und am 17. September 1787 erhält sie als erste Frau in Deutschland mit 17 Jahren den Doktor der Philosophie. Damit ist sie eine Sensation. Goethe ist von ihr begeistert, Schiller bezeichnet die Promotion hingegen als erbärmliche Farce. Eine akademische Karriere strebt Dorothea aber nicht an. Sie heiratet den wohlhabenden Lübecker Kaufmann und Bürgermeister Matthäus Rodde und führt in ihrem Haus in der Breiten Straße einen kunstsinnigen Salon. 

Dorothea von Rodde-Schlözer (1770-1825), Anicet Charles Gabriel Lemonnier um 1800

Aus heutiger Sicht

Noch Jahrhunderte nach seinem Tod beschäftigt das außergewöhnliche Erinnerungsvermögen des Christian Henrich Heineken die Wissenschaft. Bereits 1780 widmet sich eine Dissertation dieser rätselhaften Existenz. Der Junge hatte anscheinend ein fotografisches Gedächtnis, da er laut der Beschreibung von Schöneichs einmal Gesehenes oder Gehörtes nie wieder vergaß. Menschen mit derart besonderen Fähigkeiten bezeichnet die neurologische Forschung heute als "Savants" - Wissende. Auch Inselbegabung genannt, beschreibt es das Phänomen, dass Menschen eine außergewöhnliche Begabung in einem speziellen Teilbereich besitzen. Mit dem Film "Rain Man" gelangte das "Savant Syndrom" erstmals in die öffentliche Wahrnehmung. Bis heute sind Ursache und Entstehung dieser besonderen Fähigkeiten nicht geklärt.

Ausschnitt aus dem Kupferstich von Christian Fritzsch von 1726

In jedem Fall war der kleine Christian ein ungewöhnliches Talent, das als "Urbild" aller Wunderkinder gelten kann - tatsächlich wird die Bezeichnung nach 1726 zum stehenden Begriff. Neben den geistigen Fähigkeiten des Jungen spielen aber auch der Ehrgeiz des Lehrers von Schöneich und die Ambitionen der Eltern eine wesentliche Rolle. Aus einem gewissen eigennützigen Interesse heraus machen sie durch unablässigen Unterricht und unermüdliche Öffentlichkeitsarbeit aus dem kleinen Genie ein Vorführkind, ohne auf dessen schwache Konstitution Rücksicht zu nehmen.

Die Digital Story ist auf Grundlage folgender Publikationen entstanden: 

  • Joachim und Angelika Konietzny: Das Wunderkind Christian Henrich Heineken und der Preußische Hofmaler Johann Harper, Pansdorf 2020

  • Bettina Zöller-Stock: Das Wunderkind, in: 875 Jahre Lübeck erzählt uns was - Das Buch zur Ausstellung, Lübeck 2018, S.213ff

  • Christian von Schöneich: Merkwürdiges Ehren-Gedächtniß von dem Christlöblichen Leben und Tode des weyland klugen und gelehrten Lübeckischen Kindes, Christian Henrich Heineken ... / ... von der Wahrheit beflissenen Feder, seines weyland gewesenen treuen Lehrers und Beförderers, unpartheyisch entworfen. Nebst einer Vorrede Herrn Johann Henrich von Seelen, Hamburg 1726

  • August Ludwig von Schlözer (Hrg.): Leben, Thaten, Reisen und Tod eines sehr klugen und artigen 4jährigen Kindes Christian Henrich Heineken aus Lübeck, Göttingen 1779

  • Johann Henrich von Seelen; Bericht vom 2. Jan. 1724 in: Der Patriot. Erstes Jahr. Ausgabe 4 vom Donnerstag, den 27. Jan. 1724

    Soweit nicht anders angegeben, stammen die Zitate aus der Ausgabe von August Ludwig von Schlözer. 

    Autorin der Digital Story: Cornelia Nicolai

Literatur

Die Digital Story konnte dank der Unterstützung der Aktion "Kulturfunke" der Possehl-Stiftung und des Kulturtreibhauses umgesetzt werden.

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